Wenn aus Wolfgang Andrea wird: Trans-Outing im Job

//Wenn aus Wolfgang Andrea wird: Trans-Outing im Job

SuessenguthTranssexuelle Menschen haben oft Probleme, wenn sie ihr Geheimnis preisgeben. Meist wird mit der Geschlechtsangleichung das ganze Leben umgekrempelt. Nicht so bei Andrea Süßenguth aus Halberstadt, die als Wolfgang zur Welt kam. Die 60-Jährige sagt: „Bei mir sind Ehe, Job und Freunde erhalten geblieben.“ Sie verrät, wie sie diese schwierige Herausforderung bewältigt hat.

Die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreis Harz, Thekla Kempe, fiel 2011 zunächst aus allen Wolken, als IT-Anwendungsentwickler Wolfgang Süßenguth mit seinem Anliegen herausrückte: Er wolle fortan als Frau leben und benötige ihre Hilfe. Kempe: „Das Thema der Transsexualität war neu für mich. Sofort dachte ich daran, wie schwierig diese Entscheidung für Herrn Süßenguth sein mochte – und, wie wohl das Arbeitsumfeld darauf reagieren würde.“ Gemeinsam mit ihm habe sie einen Schlachtplan entworfen, der sich im Nachhinein als der richtige Weg erwies. Auch Andrea Süßenguth erinnert sich noch an das Gespräch. „Wir beschlossen, einen Beitrag in die Betriebszeitung zu setzen, in der das Thema erklärt und meine Entscheidung allen mitgeteilt wird.“ Das Informieren in Einzelgesprächen sei unmöglich gewesen, denn es wäre darum gegangen, rund 1.200 Menschen auf einen Schlag zu erreichen. Sie ergänzt: „Das Privatleben hatte ich bereits geregelt. Ich wollte Gerüchte vermeiden, die meist mit abenteuerlichen Fantasien verknüpft sind.“

Kurz darauf suchte Andrea Süßenguth den Kontakt zu ihrer Vorgesetzten, Ute Papke. Diese berichtet: „Frau Süßenguth hatte mir ihr Vorhaben geschildert, die Nachricht über die Landkreis-Mitarbeiterzeitung zu veröffentlichen. Ich legte ihr nahe, die männlichen Arbeitskollegen aus ihrem Büro persönlich darauf vorzubereiten. Ansonsten bestünde die Gefahr, dass diese überfordert würden.“ Gesagt, getan. Ende April 2011 erschien die Meldung mit einem Foto, das Andrea Süßenguth als Frau zeigte. Die Information schlug wie eine Bombe ein, und zwar im positiven Sinn. Süßenguth: „Es kamen unzählige E-Mails, Anrufe und Gespräche. Alle haben mich beglückwünscht und mir für meinen weiteren Weg alles Gute gewünscht. Andere haben einfach nur Fragen gehabt. Nicht eine negative Reaktion war dabei.“ Fortan habe sie als Frau weitergelebt und wie gewohnt gearbeitet.

Die Geschichte von Andrea Süßenguth ist ein erfreuliches Beispiel zwischen vielen gegengesetzten Erfahrungen. So werden in einer Studie der Antidiskrimierungsstelle des Bundes aus dem Jahr 2010 folgende Eckdaten über transgeschlechtliche Menschen genannt:

  • 30- 40% werden bei Bewerbungen wegen ihrer Geschlechtsidentität nicht berücksichtigt
  • 15- 30% verlieren deswegen ihre Arbeit
  • Bis zu 50% im Vergleich zu 5- 10% der Gesamtbevölkerung sind von Arbeitslosigkeit betroffen

Die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage der EU-Grundrechteagentur FRA lassen darauf schließen, dass häufige Diskriminierungsserfahrungen dazu führen, dass nur die wenigsten den Weg von Andra Süßenguth gehen: 47% der Probanden gaben an, ihre Transgeschlechtlichkeit am Arbeitsplatz zu verstecken.

Nach Erfahrung der ebenfalls transsexuellen evangelischen Pfarrerin Dorothea Zwölfer aus Landshut hängen Diskrimierungserfahrungen auch mit der Branche zusammen, in der ein Transmensch tätig ist. „Bei mir gab es überwiegend positive Reaktionen, vor allem, weil ich mein Coming Out gut vorbereitet habe und auf die richtungsweisenden Aufsätze des Psychiaters und Neuropsychologen Dr. Horst J. Haupt verweisen konnte. Es gab jedoch auch einige kritische Menschen. Sie vertraten die Meinung, das angeborene Geschlecht sei von Gott gewollt und es wäre Sünde, ihm ins Handwerk zu pfuschen.“ Die Theologin kann sich aufgrund zahlreicher seelsorgerlicher Gespräche mit Transsexuellen vorstellen, das es in rein männer- oder frauendominierten Wirtschaftszweigen mehr Probleme gibt. „Wenn ein Bauarbeiter plötzlich als Frau erscheint, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr akzeptiert. Das gleiche mag für einen scheinbar plötzlich männlichen Kosmetiker gelten.“ Allerdings bräuchte es dazu ausführliche Forschung in den einzelnen Branchen.

Für Personalverantwortliche mit transsexuellen Mitarbeitern haben Andrea Süßenguth, die Gleichstellungsbeauftragte Thekla Kempe, die Landkreis-Personalleiterin Ute Papke, und Pfarrerin Dorothea Zwölfer folgende Tipps:

Andrea Süßenguth:„Zunächst ist es wichtig, dem oder der Betroffenen Unterstützungs-Bereitschaft zu signalisieren. Aufgrund meiner positiven Erfahrungen rate ich zu Offenheit im Betrieb. Das Versteckspiel führt bei vielen Transmenschen ins Unglück. Für die Planung konkreter Schritte ist es für die Vorgesetzten wichtig, sich im Bedarfsfall über Transsexualität zu informieren. Eine Anlaufstelle ist beispielsweise die Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität.“

Thekla Kempe:„Abgesehen davon, dass ein Arbeitgeber auf die Einhaltung des Gleichbehandlungsgesetzes achten muss: Jeder Mensch mit seinen Eigenschaften und Fähigkeiten ist etwas Besonderes, unabhängig von seiner Geschlechtsidentität. An erster Stelle steht für mich die offene Kommunikation. Denn nur durch Offenheit und Ehrlichkeit kann Vertrauen auf beiden Seiten entstehen. Doch allein mit Worten ist es nicht getan. Das, was gesagt oder zugesichert wird, muss auch eingehalten werden, und zwar von beiden Seiten.“

Ute Papke: „Mit einer solchen Eröffnung sollte behutsam umgegangen werden. Überlassen Sie es Ihrem Gegenüber, wie detailliert er oder sie darüber sprechen möchte. Es handelt sich um einen Veränderungsprozess über einen langen Zeitraum. Die Entscheidung zur Bekanntgabe kann sich also länger hinziehen. Dabei sollte er/sie auf jeden Fall Unterstützung erhalten. Die übrigen Mitarbeiter müssen aus meiner Sicht ebenfalls informiert werden und auf alle Fragen Antworten erhalten. Nicht jeder muss Verständnis aufbringen, gleichwohl die Entscheidung akzeptieren.“

Dorothea Zwölfer: „Sehr empfehlenswert für Arbeitgeber und Personalverantwortliche ist das Buch des klinischen Psychologen Udo Rauchfleisch mit dem Titel `Anne wird Tom – Klaus wird Lara´. Darin gibt es zahlreiche praktische Hinweise.“

Auch Patrizia Metzer von der Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität hat noch einen Tipp: „Ich möchte auf die Ergebnisse des Arbeitskreises „Trans in Arbeit“ aufmerksam machen, in dem bedeutende Arbeitgeber, Behörden und Betroffenen-Organisationen internsiv zusammen arbeiten.“ (Birgit Lutzer)

Termin: Kongress zum Thema „Transsexualität. Eine gesellschaftliche Herausforderung vom 4. bis 6. Februar 2016 an der Goethe-Universität Frankfurt.