Älteren Arbeitnehmern Neues nahebringen

//Älteren Arbeitnehmern Neues nahebringen

Der 55-jährige Michael O. ist nervös. Er soll eine Software-Schulung besuchen. „Hoffentlich kapiere ich das überhaupt. Sonst sind nur junge Teilnehmer dabei, die sich sowieso besser auskennen.“ sagt er am Abend vorher bekümmert zu seiner Frau. Dies ist kein Einzelfall.

Eine typische Ausgangssituation besteht darin, dass eine neue Software eingeführt werden soll. In verschiedenen Abteilungen sind mehrere Arbeitnehmer/innen über 50, die sich gegen die neue Technologie sperren bzw. die Vorbehalten geäußert haben.Diese Reaktion ist verständlich, denn ältere Arbeitnehmer/innen stehen in besonderem Maß unter Druck, bei den Jungen mithalten zu müssen. Häufig haben sie Ängste um ihre Arbeitsplätze oder befürchten, geistig zu träge für die Verarbeitung komplexer Informationen zu sein. Diese Befürchtungen wiederum können zu Lern- und Aufnahmeblockaden führen. Eine Lösung für diesen Fall kann das Angebot einer freiwillig zu besuchenden, zahlenmäßig überschaubaren Lerngruppe darstellen. „Dozent“ kann ein in der Anwendung der Software versierter Kollege oder ein Mitarbeiter des Softwareanbieters sein, der jedoch über didaktisches Know-how verfügen sollte. Denn die Zusammenkunft soll den Mitarbeitern dazu dienen, die eigenen Wissenslücken zusammen mit Gleichgesinnten aufzufüllen.

Die wichtigste Voraussetzung ist zunächst die Schaffung einer angst- und repressionsfreien Atmosphäre, denn die Maßnahme kann nur dann gelingen, wenn die Teilnehmer/innen aktiv mitmachen und sich auf die neue Erfahrung einlassen. Als Einstieg sollte das Ziel des Beisammenseins noch einmal von der Gruppenleitung dargestellt und die individuellen Voraussetzungen bzw. Kenntnisse ermittelt werden, die die Absolventen der Lerngruppe mitbringen.

Es bietet sich etwa die Frage nach bereits bekannten Softwareprogrammen an, die vielleicht auch privat genutzt werden. So kann die Lehrperson leichter Anknüpfungspunkte für die neuen Inhalte finden. Auch der Abgleich zwischen individuellen Erwartungen und dem, was durch die Lerngruppe erreicht werden kann, erhöht die Transparenz für alle und damit die Motivation der Einzelnen, mitzumachen. Die Lehrperson sollte in ihre Ausführungen immer wieder kleine praktische Übungen einfließen lassen, um den Teilnehmern Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Beispiele aus ihrem tatsächlichen Arbeitsumfeld erhöhen die Aufmerksamkeit und den Bezug, den sie zwischen sich selbst und der Software herstellen.

Insbesondere dann, wenn die Lehrperson sehr versiert in der Anwendung der Software ist und über detaillierte Hintergrundkenntnisse verfügt, besteht die Gefahr, dass sie „über die Köpfe“ der Anwesenden hinweg erläutert. Hier ist eine genaue Beobachtung der Teilnehmer/innen in Hinsicht auf verbale und nonverbale Signale erforderlich, die auf Nicht-Verstehen schließen lassen. Dazu gehören beispielsweise ein glasiger Blick, langes und sinnloses Studieren von Unterlagen, ohne aufzuschauen, wiederholtes Zupfen an den Fingern bzw. der Kleidung oder Äußerungen wie „Nee, ist klar.“ Nachgefragt werden sollte von Seiten der Gruppenleitung bei solchen Wahrnehmungen immer nach den Inhalten, die bereits verstanden worden sind, denn nur wenige Menschen können bei komplexen Inhalten punktgenau darstellen, was sie nicht nachvollziehen können.

Das Verstehen der Erläuterungen des Dozenten kann durch das vorherige Austeilen eines Glossars mit den wichtigsten Begriffen zum Nachlesen verbessert werden. Einfache, kurze Sätze mit einem den Teilnehmern bekannten Vokabular sind ebenso hilfreich wie bildhafte Vergleiche und der Einsatz von Metaphern. Unbekanntes sollte stets mit Bekanntem (Anknüpfungspunkte aus dem Erfahrungsschatz der Teilnehmer/innen) verdeutlicht werden. Und so wird aus einem „Nee, ist klar.“ ein „Ach, das ist ja doch ganz einfach!“

Rolf Dindorf

Über den Autor:

Rolf_Internet_HomepageIm Lauf seines Berufslebens hat Rolf Dindorf (Jahrgang 1969) verschiedenste Rollen ausgeübt. Der Betriebswirt und Politikwissenschaftler verfügt über einen Masterabschluss im Fach „Erwachsenenbildung“. Seine Trainings und Beratungen basieren auf wissenschaftlich fundierten, nachhaltigen Konzepten.

Als Filmtheaterkaufmann leitete er ein Kino und sorgte für lebhaftes Publikumsinteresse. Er kennt sich mit unternehmerischen Fragestellungen aus – und ist als Trainer ein kreativer Kopf, der für überraschende Wendungen und ein „happy End“ zu Seminarschluss sorgt.

Das verständliche, an verschiedene Zielgruppen angepasste Aufbereiten und Präsentieren von Informationen lernte Rolf Dindorf als Museumsführer – den effektiven Einsatz der Rhetorik als Aufsichtsratsmitglied eines Klinikums, ehrenamtlicher Richter und Ratsmitglied der Stadt Kaiserslautern. Dies zeigt sich auch in seiner journalistischen Arbeit: Er betreut den Demografieblog www.generation-silberhaar.de. Seit 2005 ist er als Trainer und Berater tätig.