Alt ist relativ – auch im Job

//Alt ist relativ – auch im Job
Alt

Alt – ist das im Job wirklich nur ein Nachteil? Der international tätige „Recruiter“ Andreas T. Hensing spricht bei seinen Aufträgen mit den Entscheidungsträgern. Er verriet Birgit Lutzer, wie diese langjährige Berufserfahrung wirklich beurteilen.  ( Bild: © LIGHTFIELD STUDIOS / Fotolia )

Auf einen Blick:
  • Viele Menschen im Alter von 50plus fühlen sich fit und dynamisch
  • Es ist wichtig, zu sich selbst zu stehen
  • Qualifikationen, Berufserfahrung und Arbeitsmotivation geben für viele Personaler den Ausschlag
  • Demografischer Wandel und Fachkräftemangel begünstigen die Berufsaussichten erfahrener Kräfte
Inwieweit ist die Altersmarke „50“ Ihrer Erfahrung nach eine kritische Grenze, um sich beruflich umzuorientieren?

Es ist eher eine psychologische als eine reale Grenze. Und das auf beiden Seiten. Es gibt viele Bewerber 50+, die sich jung fühlen, dynamisch sind, noch etwas erreichen wollen. Und das merkt man ihnen an – schon bei der Formulierung der Bewerbung. Dann gibt es die „Zögerlichen“, die sich selbst fragen, ob sie vielleicht zu alt sind, die meinen, alt auszusehen. Wenn ich ein Suchprojekt habe, dann frage ich meinen Gesprächspartner – wenn er mein wahres Alter nicht kennt – ob ich zu alt für den Job wäre. Bislang ist diese Frage fast nie bejaht worden – und das nicht nur aus reiner Höflichkeit. Und ich werde in diesem Jahr 60!

Welche Konsequenz ziehen Sie aus dieser Beobachtung?

Das heißt für mich, dass ich durchaus Kandidaten präsentiere, die die 50 überschritten haben, es sei denn, sie gehören in die zweite Gruppe der Unsicheren, die nicht zu sich selbst stehen. Auf Seiten der Auftraggeber ist diese Grenze ebenfalls nicht wirklich vorhanden, es sei denn, es gibt einen guten Grund dafür, jüngere Kandidaten zu bevorzugen, z. B. Überalterung der Führungsriege oder die Einstellung eines Nachfolgers, der mittel- oder langfristig aufgebaut werden soll.

Welche Erfahrung machen Sie im persönlichen Gespräch mit Unternehmern und Personalverantwortlichen beim Thema „wie alt soll der gewünschten Stelleninhaber sein“?

Im Grunde spielt das Alter weniger eine Rolle, als man gemeinhin glaubt – abgesehen von bestimmten Branchen, bei denen eher junge Leute eingestellt werden. Aber selbst Google hat einen Mann wie Richard Gingras für eine Topposition eingestellt. Und er ist 60+!

Viele Firmen holen Mitarbeiter aus dem Ruhestand zurück, weil deren Fachwissen gefordert ist. Wie passt das zur Aussage, dass erfahrene Bewerber ab dem Alter von 50 es schwer haben sollen, einen Job zu finden?

Diese Unternehmen bauen auf den Erfahrungsschatz der ehemaligen Mitarbeiter. Sie brauchen keine Einarbeitung, kennen das Unternehmen, die Kunden, verfügen über die passenden Kontakte – und sie wissen, was sie von dem Mitarbeiter erwarten können. Das sind Vorteile, die ein neuer Stelleninhaber schlecht toppen kann.

Wie sieht Ihrer Einschätzung nach die Marktsituation für Stellensuchende 50plus in ein paar Jahren aus?

Sie brauchen sich nur den demographischen Wandel anzuschauen. Die Zahl an Mitarbeitern im Alter 50+ wird zunehmen und damit auch der Bedarf. Wir haben in Deutschland – gottlob – ein Wirtschaftswachstum mit einem steigenden Bedarf an gut qualifizierten Fachkräften. Und wir haben zu wenig Nachwuchs. Es geht ganz banal um Angebot und Nachfrage. Die Nachfrage wird das Angebot übersteigen. Die Differenz versucht man über gut qualifizierte Einwanderer auszugleichen – und natürlich über den Einsatz erfahrener Mitarbeiter/innen.

Über Andreas T. Hensing:

Sein Unternehmen Global Recruiting Consultancy löst Ihre Personalprobleme im deutschsprachigen Raum und im Rest der Welt. Andreas T. Hensing bietet neben einem sozialwissenschaftlichen Studium und Erfahrung im Personalmanagement mehr als 20 Jahre Praxis als Personal- und Unternehmensberater. Seit 2003 führt er vermehrt auch internationale Beratungsmandate durch – zuletzt fünf Jahre bei einem großen internationalen Executive Search Dienstleister. Seine Erfahrungen und Kenntnisse des Beratungsbedarfs – gerade auch der mittelständischen Wirtschaft – hat er in seinem Rekrutierungskonzept zeitgemäß umgesetzt.