Eckige Experten oder der Umgang mit so genannten „Nerds“

//Eckige Experten oder der Umgang mit so genannten „Nerds“
Ist Lars Rominger etwa selbst ein Nerd?
Ist Lars Rominger etwa selbst ein Nerd?

Sie tragen dunkle Brillen und unmoderne Pullover, haben fettige Haare und es macht ihnen nichts aus, Tag und Nacht unter künstlichem Licht zu arbeiten. Denn sie sind besessen von dem, was sie tun. Umgangssprachlich werden sie als „Nerds“ bezeichnet: hochkarätige Fachleute mit geringer Anpassungsfähigkeit.

Der Schweizer Unternehmer Lars Rominger (Bild) hat viele solcher Spezialisten in den Teams seiner Firma Rominger Kunststofftechnik. Er berichtet, wie dieser Menschentypus im Unternehmen am besten gefördert und integriert werden kann.

Rominger: „Nerds tummeln sich in Branchen mit hoher Technikaffinität. Viele sind IT-Spezialisten, andere befassen sich mit Forschung oder der Entwicklung spezieller Produkte wie in unserer Firma.“ Ihren Namen haben die Freaks einem Gerücht zufolge von einer amerikanischen Elektronikfirma. Dies verriet wie der Bremer Journalist und Autor des Buchs „Nerds. Wo eine Brille ist, ist auch ein Weg“ Jörg Zittlau in einem Interview mit der Badischen Zeitung: „Es gab mal eine Elektronikfirma in den USA mit der Abkürzung N.E.R.D. Deren Angestellte mit dicken Brillen und Phasenprüfern in der Brusttasche hatten auf ihren Overalls `Nerd´ stehen.“

Was Rominger besonders stark an seinen Fachkräften wahrnimmt, ist deren Bedürfnis nach Individualität. Werde dieses erfüllt, seien sie bereit, sich sehr stark zu engagieren. Rominger: „Einem solchen Experten dürfen Sie auf keinen Fall mit der Stechuhr kommen. Selbst wenn alle anderen in Ihrer Firma nach geregelten Zeiten arbeiten, räumen Sie ihm selbstbestimmte Flexibilität ein. Eine andere Möglichkeit ist vielleicht auch ein Arbeitsplatz aus dem Homeoffice heraus.“ Wichtig sei darüber hinaus die persönliche Würdigung durch den Vorgesetzten. „Wenn der Nerd in seinem Element ist, soll ihn der Personalverantwortliche möglichst in Ruhe machen lassen und ihm da und dort Anerkennung zollen.“ Geduld ist dem Firmenchef zufolge gefragt, wenn ein extrem engagierter Mitarbeiter seine Arbeitskollegen bzw. den Informationsaustausch zu anderen Abteilungen vernachlässigt. Ein Eingreifen sei jedoch dann sinnvoll, wenn „Ihr Mitarbeiter seine Gesundheit für den Job aufs Spiel setzt und sich nur noch von Pizza und Süßigkeiten ernährt. Stellen Sie ihm wenigstens ab und zu eine Schale Obst oder etwas anderes Frisches hin.“

Häufig gelten „Nerds“ als verschrobene Einzelgänger. Dies treffe keineswegs zu, wie der finnische Telekommunikations-Unternehmer Telekom-Magnat Pekka Viljakainen in einem Spiegel-Interview unterstrich:„Oft sind sie hervorragend vernetzte Einzelgänger. Das ist der Weg, wie man sie führen kann: Werde Teil ihres Netzwerkes, auf Augenhöhe.“ Er warnte Manager davor, sich z. B. durch fremdgeschriebene Tweets zu verstellen oder auf Hierarchieebenen zu pochen. „Authentizität ist besser – insbesondere, wenn es um Wissenslücken in der Firma geht, die der spezialisierte Mitarbeiter füllen soll.“

Romingers Aussage nach wäre sein Unternehmen weitaus weniger erfolgreich ohne die eckigen Experten: „Ein so genannter Nerd, der richtig abgeholt und eingebunden wird, leistet überaus Wertvolles. Er bereichert den Betrieb in der doppelten Bedeutung des Wortes.“ (Birgit Lutzer)