Falsche Schlange oder ehrliche Haut? Glaubwürdigkeit im Beruf

//Falsche Schlange oder ehrliche Haut? Glaubwürdigkeit im Beruf

„Das Wohl älterer Mitarbeiter liegt uns am Herzen.“ verkündet Abteilungsleiter Andreas F. auf der Betriebsversammlung. Einige Belegschaftsmitglieder runzeln die Stirn, während andere sich kopfschüttelnd mit verschränkten Armen zurücklehnen. Denn der Manager hat gerade einen langjährigen Mitarbeiter vor die Tür gesetzt.

Im Beruf gibt es immer wieder Situationen, in denen es um persönliche Glaub- und Vertrauenswürdigkeit geht. Wer seinen Kollegen oder Mitarbeitern eine „bittere Pille“ verabreichen muss, sollte, sofern er Bedauern zeigt, überzeugend wirken. Auch dann, wenn es darum geht, den Vorgesetzten für eine saftige Gehaltserhöhung zu gewinnen, ist Überzeugungskraft gefragt. Mehr Geld gibt es nur dann, wenn die Darstellung der eigenen Kompetenzen glaubwürdig für das Gegenüber ist. Doch warum wirken manche Menschen wie „falsche Schlangen“ oder windige Gesellen, während andere eine vertrauenerweckende Ausstrahlung haben?

Glaub- und Vertrauenswürdigkeit sind keine feststehenden Eigenschaften, sondern sie werden einer Person von anderen zugeschrieben. Sozialpsychologen stellten fest, dass die Überzeugungskraft einer Aussage vom Sprecher, seinen Eigenschaften und seinen Verhaltensweisen abhängt. Je nachdem, welche Hintergrundinformationen Versuchspersonen vorher über einen Kommunikator erhielten, glaubten sie seinen Worten oder nicht. Aus den Ergebnissen der Experimente lassen sich Faktoren ableiten, die die Glaubwürdigkeit von Menschen beeinflussen.

Zunächst müssen Worte und Taten übereinstimmen. Wer etwas anderes predigt als das, was er selbst lebt, wirkt heuchlerisch und unglaubwürdig. Außerdem ist es wichtig, seiner eigenen Linie mit schlüssigen, stimmigen Äußerungen treu zu bleiben. Eine Meinungsänderung in einem wichtigen Punkt sollte begründet werden. Sonst droht der Verdacht, kein Rückgrat zu haben und ein Mensch zu sein, der sein Fähnchen nach dem Winde hängt.

In ähnliche Richtung geht die Empfehlung, auf die Übereinstimmung der nonverbalen Signale mit den verbalen Äußerungen zu achten. Drücken Gestik, Mimik und Körperhaltung etwas anderes aus als das, was der Sprecher inhaltlich übermittelt, tritt bei den Zuhörern ein Störgefühl auf. Ein Negativbeispiel ist die Firmenchefin, die mit Pokerface große Anteilnahme an einer ernsthaften Erkrankung ihres Assistenten bekundet. Sie wirkt verlogen. Überdies führt Ehrlichkeit oft weiter als der Versuch, Fehler zu vertuschen. Ein offensiver Umgang mit eigenen Patzern und das Bemühen um Wiedergutmachung wirken sympathischer und Vertrauen erweckender als Herumdruckse und faule Ausreden.

Zur Glaubwürdigkeit gehört auch die Authentizität: Das, was eine Person ausmacht, sollte in ihre Auftritte, Gespräche oder Präsentationen einfließen. Der beste Rhetorikkurs nützt nichts, wenn jemand krampfhaft versucht, etwas anderes darzustellen als das, was er ist. Kleine Ecken und Kanten wecken mehr Vertrauen als eine aalglatte Selbstdarstellung, die darum bemüht ist, es allen recht zu machen. Die wichtigste Grundlage ist aber, dass der Wunsch nach Glaubwürdigkeit von einer passenden, werteorientierten inneren Einstellung getragen wird.

Birgit Lutzer