Krumme Finger lassen sich behandeln: Die Dupuytren´sche Erkrankung

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Patient1aDer 50jährige Klaus B. hat ein Problem. Er kann seinen linken Mittelfinger nicht mehr strecken. Bei geöffneter Hand ragt er rechtwinklig nach vorne. Das sieht nicht nur merkwürdig aus, sondern der Büro-Angestellte kann seine Computer-Tastatur schon lange nicht mehr bedienen.

„Diesem Dupuytren-Patienten hätte schon früher geholfen werden können.“ sagt Dr. med. Wolfgang Lenze, der den folgenden zweiteiligen Fachbeitrag für Silver-Scout verfasst hat:

Es gibt Erkrankungen, die zwar gutartig, aber im täglichen Leben und speziell bei der Arbeit überaus lästig sind. Hierzu gehört die Fingerverkrümmung bei der Dupuytren´schen Krankheit. Der Franzose Dupuytren sowie die Engländer Cline und Cooper haben dieses Leiden im 18. Jahrhundert behandelt und beschrieben. Im Laufe von Monaten oder Jahren kommt es zu Knoten- und Strangbildungen unter der Haut, die zu einer zunehmenden Streckhemmung der Finger führen. Ob eine Frau oder ein Mann die Dupuytren´sche Verkrümmung der Finger bekommen, ist allein genetisch vorbestimmt. Keine weitere Ursache ist bislang wissenschaftlich erwiesen.

Die Betroffenen leben mit ihrem meist krummen Klein- oder Ringfinger. Jedes Händeschütteln empfinden sie als unangenehm, weil sich der krumme Finger in die Hohlhand des Begrüßten drückt. Die Männer bleiben beim Rasieren mit ihren hakenartigen Fingern am Auge hängen, außerdem sind die krummen Finger auch bei der übrigen Körperhygiene hinderlich. Manchmal ist nur ein Finger betroffen, manchmal auch alle, und sogar der Daumen. Wenn mehrere Finger beider Hände betroffen sind, kann die Dupuytren´sche Krankheit zur Berufsaufgabe führen.

Die Erkrankung ist seit fast 300 Jahren bekannt. Trotzdem weiß man immer noch nicht, warum sich unter der Haut in der Hohlhand oder der Finger beugeseits ganz plötzlich Knoten oder Stränge bilden, die dann in Schüben an Größe zunehmen. Vor allem die Stränge fühlen sich wie Sehnen an, haben aber mit den darunterliegenden Sehnen nichts zu tun. Die Knoten und Stränge führen langsamer oder schneller zu einer zunehmenden Beugung einzelner Finger, die selbständig oder auch mit Gewalt nicht mehr gestreckt werden können.

Die Patienten gehen dann zum Hausarzt, zum Chirurgen oder Orthopäden und erfahren, dass sie zwar operiert werden können, der Eingriff aber lieber noch aufgeschoben werden solle, bis nichts mehr gehe. Oft heißt es auch, die Operation sei mit einer hohen Komplikationsrate behaftet und der Arzt habe schon schlechte Ergebnisse gesehen.

Also warten die Patienten, bis ihre Finger total krumm sind. Dies ist unnötig, denn es gibt zu den aufwendigen Eingriffen mit dem Skalpell eine schonende Alternative. Auch diese Methode ist seit fast 300 Jahren bekannt: die unter der Haut erfolgende Zerteilung der Stränge und Knoten (Fasziotomie). Damals benutzte man spezielle Miniatur-Messer, die über kleine Hautschnitte eingeführt wurden, heute nimmt man Nadeln, wie man sie auch zum Blutabnehmen benutzt (Nadelfasziotomie). Aus unbekannten Gründen geriet die Fasziotomie komplett in Vergessenheit und wird erst seit 30- 40 Jahren wieder angewendet, erstmalig in Frankreich. Die Gemeinschaftspraxis Dr. Frank/Dr. Lenze in Bielefeld führt die Nadelfasziotomie seit 21 Jahren durch und hat inzwischen fast 3000 Patienten behandelt.

Einer niederländischen Studie zufolge entwickelt sich fünf Jahre nach der Nadelfasziotomie bei 81% der Patienten erneut eine Ktümmung von mindestens 30 Grad. Bei den mit Hautschnitten operierten Fingern sind es gerade mal 21% der Patienten. Die Finger bleiben nach der großen Operation also über einen längeren Zeitraum gerade, als beim schonenden Eingriff der Nadel-Fasziotomie.

Fakt ist, dass es keine komplette Heilung dieser Erkrankung gibt, egal, wie die Behandlung aussieht. Auch bei den operierten Fingern tritt irgendwann wieder eine Krümmung auf. Dies ist vollkommen unabhängig davon, welcher Spezialist die Operation mit oder ohne Operationsmikroskop durchgeführt hat.

Ist es unter diesen Voraussetzungen überhaupt sinnvoll, sich behandeln zu lassen? Und welche Behandlungsmethode ist die Beste? Zusatzinformationen folgen im zweiten Teil „Mehr über die Nadelfasziotomie“.

Dr. med. Wolfgang Lenze

Dr-Wolfgang-Lenze-kl

  • Facharzt für Chirurgie und Kinderchirurgie
  • Tätigkeit als Oberarzt an der Universität Tübingen
  • 1993 Niederlassung in Bielefeld
  • Anwendung und Weiterentwicklung der Nadelfasziotomie seit 1993