Lust am Leid – sind wir Wohlstandsmonster?

//Lust am Leid – sind wir Wohlstandsmonster?
Lust

Lust am Leid anderer ist weit verbreitet. Selfies mit Unfall-Opfern, brutale Hinrichtungs-Videos und tatenloses Zuschauen bei Gewaltverbrechen – es gibt offenbar ein menschliches Bedürfnis, sich am Elend anderer zu weiden.

Auf einen Blick:

  • Schon zu früheren Zeiten gab es die Lust am Leid
  • Bei Wohlbefinden wachsen Selbstwertgefühl und Aggressivität gleichermaßen
  • Viele Menschen suchen einen emotionalen Kick, um Langeweile zu entfliehen
  • Manche Personen fühlen sich besser, wenn sie andere sehen, denen es schlecht geht
  • Die eigene Gruppe wird übersteigert positiv gesehen, während andere Gruppen abgewertet werden
  • In einem solchen gesellschaftlichen Klima bekommen radikale Parteien Zulauf

Was psychologisch hinter dem Interesse vieler Menschen am Beobachten von Grausamkeit stecken könnte, beleuchten die beiden Wissenschaftler Eva Lermer und Peter Fischer in ihrem Buch „Das Unbehagen im Frieden. Die neue Lust am Leid“, das kürzlich im Claudius-Verlag erschienen ist. Dabei nehmen Sie auch Bezug auf Phänomene wie Ausgrenzung und Feindseligkeit.

Wer hoch steht, kann tief fallen – darauf hat niemand Lust

Die beiden Sozialpsychologen stellen einen Zusammenhang her zwischen Wohlstand und einem übersteigert positiven Selbstwertgefühl. Die Selbstüberschätzung wiederum führe dazu, dass wir „Konflikte mit anderen als besondere Frechheit empfinden.“ Ein aufgeblasener Glaube an die eigene Überlegenheit sei „eine der wichtigsten Ursachen für Gewalt“ (S. 24 f.). Eine Erklärung dafür sehen beide in der potenziell höheren Fallhöhe. Als Beispiel nennen Sie eine Top-Führungskraft, die beim Jobverlust wesentlich mehr zu verlieren hat als ein Angestellter ohne Personalverantwortung.

Keine Lust auf Langeweile – her mit dem emotionalen Kick!

Eine andere Begründung für die Suche nach dem Adrenalin-Kick durch Grausamkeit könnte nach Auffassung der Autoren Langeweile sein. Wird ein Risiko erfolgreich bewältigt, kommt es zur Ausschüttung von Stress- und Glückshormonen. Also schaffe Nervenkitzel wohltuende Abwechslung im sicheren täglichen Einerlei.

Der Abwärtsvergleich sorgt für mehr Zufriedenheit

Wenn ein Kranker einen noch Kränkeren sieht, fühlt er sich zumindest für einen kurzen Moment besser. Das gleiche gilt für die Lebenssituation: Frustrierte Menschen sind psychologischen Studien zufolge besonders empfänglich für Abwärts-Vergleiche, bei denen Sie selbst besser dastehen als andere. Eine besonders extreme Ausprägung davon ist laut Lermer und Fischer der „Gaffer-Effekt“: Menschen blieben bei Unfällen stehen, schauten zu oder filmten das Horror-Szenario. „Wenn das Rettungspersonal versucht, diese Personen vom Unfallort zu entfernen, dann wehren sich diese zum Teil mit Händen und Füßen“ (S. 57).

Wir sind die Guten und die anderen die Bösen

Auch bei Gruppen gibt es das Phänomen bei Mitgliedern, die eigenen Leute übersteigert positiv zu sehen und gleichzeitig Außenstehende stark abzuwerten. Damit begründen die beiden Wissenschaftler den Zulauf von Parteien wie der AfD. Sie appellieren an die Leser, die eigenen Denkmuster kritisch zu überprüfen, um wieder mehr zu sozialen Werten zurück zu kommen.

Meine Meinung:

Für Menschen, die gern über gesellschaftliche Fragen und psychologische Erklärungsmuster interessieren, spreche ich eine klare Lese-Empfehlung aus. Den Ansatz der Autoren, die Rezipienten Ihres Werks durch Erkenntnisgewinn zur Umkehr von radikalen Wegen zu bewegen, finde ich begrüßenswert. Allerdings habe ich starke Zweifel, dass die Personen, die eigentlich mit diesem Buch erreicht werden sollen, sich mit solchen Themen befassen. Oder bin ich jetzt auch in die Falle eigener Selbsterhöhung getappt? (Birgit Lutzer)

 

Bibliografische Angaben: Fischer, Peter/Lermer, Eva (2018): Das Unbehagen im Frieden. Die neue Lust am Leid. München. 157 Seiten. Link zum Verlag