Ganz schön erfinderisch: Neuer Job durch Kreativitätstechniken

//Ganz schön erfinderisch: Neuer Job durch Kreativitätstechniken

RomingerDer Schweizer Wissenschaftler und Tüftler Lars Rominger hat die Welt um einige Erfindungen bereichert. Dazu gehören ein Mini-Labor in einem Koffer, eine kompostierbare Einkaufstasche und ein Reagenzglas mit Klapp-Deckel. Um seine Ideen zu konkretisieren, setzt er Instrumente aus dem Produktentwicklung ein. Der Unternehmer behauptet: „Diese Techniken lassen sich auch einsetzen, um Probleme bei der Berufswahl zu lösen.“ Und dann tritt er den Beweis an einem konkreten Beispiel an.

„Als Lehrbeauftragter bin ich oft an Universitäten. Mich sprach vor einiger Zeit ein Absolvent an, der Probleme bei der Stellensuche hatte.“ Der Mann sei sehr ehrgeizig gewesen und habe genau deswegen keinen Fuß in der Arbeitswelt fassen können. „In Vorstellungsgesprächen rückten seine Strebsamkeit und Verbissenheit zu stark im Vordergrund. Die Personalverantwortlichen witterten dadurch zwischenmenschliches Konfliktpotenzial.“

Rominger riet dem Bewerber, eine morphologische SWOT-Analyse bei sich selbst durchzuführen. Hierbei handelt es sich um die Kombination eines Analyseverfahrens mit einer komplexen Kreativitätstechnik, die in Firmen und in der Wissenschaft im Bereich der Produktentwicklung eingesetzt wird.

Der „morphologische Kasten“, nach seinem Erfinder auch „Zwicky-Box“ genannt, dient dazu, komplexe Probleme vollständig zu erfassen und alle denkbaren Lösungen vorurteilslos zu betrachten. Um möglichst viele originelle Ideen zu produzieren, wird das Verfahren oft in Gruppen von maximal sieben Personen eingesetzt. Basis ist eine Tabelle, in der die verschiedenen Aspekte der Fragestellung erfasst sind. Geht es um ein neues Produkt, werden zunächst mögliche Eigenschaften oder Aspekte in die Tabelle eingetragen. Im folgenden Beispiel geht es um einen Tisch.

Anzahl der Beine 0 1 3 4 5 100
Material Holz Glas Kunststoff Kork Stoff Gummi
Höhe in Zentimetern 0 20 50 70 100 200
Form rund quadratisch rechteckig

Quelle der Matrix: http://de.wikipedia.org/wiki/Morphologische_Analyse_%28Kreativit%C3%A4tstechnik%29

Aus dieser Tabelle lässt sich durch unterschiedliche Kombinationen der Merkmale aus den Zeilen eine Vielzahl an Tisch-Varianten ableiten wie beispielsweise ein vierbeiniger, rechteckiger Kunststofftisch von 50 cm Höhe. Dabei ist auch eine ungewöhnliche Idee: Ein runder Glastisch ohne Beine, der an der Decke aufgehängt wird.

Rominger riet dem Stellensucher, dieses Verfahren in mehreren Schritten mit einer SWOT-Analyse seiner Stärken, Schwächen, Chancen und Gefahren zu kombinieren:

Schritt 1: Individuelle SWOT-Analyse

Stärken (Strenghts) Schwächen (Weaknesses)
Abgeschlossenes Physikstudium (hohe Leistungsfähigkeit) Selbstkritisch => Nie zufrieden. Kann nicht abschalten. Perfektionist.
Gute nachgewiesene Praktikums-Tätigkeiten als Generalist. Messe meinen Wert an meiner eigenen Leistung. Dies führt zu Überdruck
Ich bin gleichzeitig seriöse Arbeitskraft und kreativer Querdenker. Zu wenig Gelassenheit.
Hohe Leistungsfähig- und -willigkeit Geringe Berufserfahrung
Chancen (Opportunities) Gefahren (Threats)
Wachstumsmarkt mit großer Fachkräfte-Nachfrage Der Arbeitsmarkt könnte sich ändern, so dass es mehr Fachkräfte als Stellen gibt.
Mein Generalistenwissen ist gefragt Meine hohe Leistungswilligkeit und -fähigkeit könnte interne Konkurrenzkämpfe auslösen, die für den Arbeitgeber kontraproduktiv wären.
Als Hochschulabsolvent bin ich auf dem neuesten Forschungsstand und kann frische Impulse einbringen. Firmen suchen das Know-how erfahrener Physiker eher in den eigenen Reihen gesucht, statt Stellen für Absolventen auszuschreiben.

Schritt 2: Situationserfassung mit Hilfe morphologischer Fragen

Die Ausgangssituation und deren Aspekte werden auf Basis einer vereinfachten Zwicky-Box konkretisiert. Dies geschieht durch die unterschiedliche Kombination der Stärken und Schwächen der oberen Zeile mit den Chancen und Gefahren darunter:

S W
O T

Daraus leiten sich die Kombinationen SO, ST, WO und WT ab. Mit Inhalten gefüllt, ergibt sich folgende Tabelle:

Frage S-O: Welche Stärke fördert welche Chance? W-O: Welche Schwäche vernichtet welche Chance?
Antwort Für Generalisten gibt es besonders viele potenzielle Arbeitsplätze. Die ehrgeizige und perfektionistische Grundhaltung verhindert den Berufseinstieg.
Frage S-T: Welche Stärke gleicht welche Gefahr aus? W-T: Welche Schwäche fördert welche Gefahr?
Antwort Seriöses, proaktives Arbeiten und ein konstruktives Miteinander verhindern Machtkämpfe. Die geringe Berufserfahrung erhöht die Gefahr, dass praxiserfahrene Physiker bevorzugt werden.

Schritt 3: Ableitung konkreter Bewerbungsstrategien

Gemeinsam mit Lars Rominger entwickelte der Hochschulabsolvent die folgende Bewerbungsstrategie:

Größte Stärken, die aus dem Bewerbungsschreiben hervorgehen sollten:

  • Breites Fachwissen
  • Vielseitigkeit und Ideenreichtum
  • Hohe Leistungsbereitschaft und -fähigkeit

Eigenschaften, die der Absolvent am besten beim Vorstellungsgespräch in den Vordergrund rückt:

  • Seriöses Auftreten
  • Teamfähigkeit

Rominger ist sehr zufrieden, wenn er das Resultat aus dieser Vorgehensweise betrachtet. „Der Absolvent bekam schon bald danach eine Zusage. Ich bin überzeugt, dass sich Analyse- und Kreativitätstechniken auf alle möglichen Probleme übertragen lassen und weiterführende Lösungen hervorzaubern können.“ (Birgit Lutzer)