„Tritt forsch auf, mach’s Maul auf, hör bald auf!“ Redetipps von Martin Luther

//„Tritt forsch auf, mach’s Maul auf, hör bald auf!“ Redetipps von Martin Luther

„Lassen Sie mich noch ein Stück ausholen, um Ihnen die gesamte Tragweite der Fragestellung zu vermitteln. Später komme ich dann zu …“ Die ersten Leute im Publikum sind schon eingeschlafen, doch der Redner schwallt ungerührt weiter. Dabei wusste schon Martin Luther, wie es besser geht.

Als der Theologieprofessor und Reformator die Empfehlung „Tritt forsch auf, mach’s Maul auf, hör bald auf!“ aussprach, dachte er wohl an Predigten, unter denen er selbst als Zuhörer gelitten hatte. Sein Zitat lässt sich auf fast alle Arten von Reden, Vorträgen und Präsentationen anwenden.

Tritt forsch auf! Beim Überzeugungsvorgang spielt der übermittelte Inhalt eine wesentlich geringere Rolle als die Art und Weise der Darbietung. Als erstes nehmen die Anwesenden das äußere Erscheinungsbild des Redners oder Präsentierenden wahr. Weicht er oder sie darin sehr stark vom Publikum ab, besteht die Gefahr, dass auf diese Weise Sympathiepunkte verloren gehen. Beispiel: Er oder sie ist entweder weitaus legerer („Was will der Vogel mit der Gammeljeans uns hier erzählen?“) oder eleganter („Aalglatter Managertyp!“) als das Publikum gekleidet. Die Kleidung muss dem Anlass und der Position des Vortragenden angemessen sein. Von einem Ausbilder, der vor Jugendlichen spricht, erwartet niemand, dass er sich wie seine jungen Zuhörer kleidet. Im Gegenteil: Der krampfhafte und nicht zur Person passende Versuch, sich an vermeintliche Erwartungen anzupassen, wirkt oft lächerlich. Viel wichtiger ist es, Souveränität durch Auftreten und Körpersprache zu signalisieren. Dazu gehört auch, langsam nach vorne zu gehen und die Unterlagen ruhig auf das Pult zu legen. Hektische Betriebsamkeit vermittelt den Eindruck von Nervosität. Sehr gut sind eine gerade Körperhaltung und Blickkontakt zum Publikum.

Mach’s Maul auf! Wer unsicher ist, was die Wirkung seiner Stimme anbetrifft, sollte seine Rede oder Präsentation unbedingt vorher einer vertrauten Person halten und sich ein ehrliches Feedback geben lassen. Noch lehrreicher kann es sein, sich selbst aufzunehmen – entweder mit einem Diktiergerät oder besser noch mit einer Videokamera. So ist es möglich, die eigene Wirkung wie durch die Augen eines anderen wahrzunehmen. Ein paar Tipps: Der Mund sollte weit geöffnet sein, damit der Ton klar heraus kommt. Tiefe Bauchatmung sorgt für einen entspannten Puls und eine tragende Stimme. Damit das Publikum den Vortrag nachvollziehen kann, ist nach jedem Satz eine kurze und nach jedem abgeschlossenen Thema eine längere Denkpause sinnvoll. Freies Sprechen wirkt wesentlich lebendiger als ein abgelesener Vortrag, der die Zuhörer auf jeden Fall einschläfert. Wer eine Gedächtnisstütze benötigt, kann  Karteikarten als Gedächtnisstütze benutzen. Muss jemand oft vor anderen sprechen, lohnt sich für ihn die Investition in ein Redetraining.

Hör bald auf! Fast jeder Redner wünscht sich, dass die Zuhörer begierig an seinen Lippen hängen und jedem einzelnen Wort andächtig lauschen. Die Realität ist oft anders: Es tritt nach kurzer Zeit Langeweile auf und die Menschen blicken vorsichtig auf die Uhr. Es ist besser, mit wenigen Worten viel zu sagen, statt weit auszuholen. Mehr als zehn Minuten am Stück kann kein Mensch mit voller Konzentration zuhören. Nach Ablauf dieser Zeit lockert eine Frage ans Publikum, das Zeigen eines Bildes oder das Herumgeben eines zum Thema passenden Gegenstands die Darbietung auf. Je mehr das Publikum einbezogen wird, desto besser bleiben die vermittelten Inhalte haften. Mancher Sprecher täte gut daran, seinen Blick öfter einmal vom Redemanuskript zu lösen und die Zuhörer wahrzunehmen. Bei Zeichen großer Langeweile sollte der Vortrag abgekürzt werden, auch wenn die eigene Eitelkeit dadurch einen empfindlichen Dämpfer bekommt. (Birgit Lutzer)