Vertraulichkeit am Arbeitsplatz

//Vertraulichkeit am Arbeitsplatz

Die Kollegen Gaby P. und Klaus F. sitzen in der Firmenkantine. Sie arbeiten in einer Abteilung und gehen oft zusammen Essen. Plötzlich schlägt der Mann einen vertraulichen Ton an. „Mit meiner Frau läuft es nicht so gut.“ sagt er bedeutungsvoll und beugt sich näher zu seiner Begleiterin. Was nun?

Erzählt Ihnen jemand, zu Sie eine geschäftliche Verbindung hat, plötzlich in langatmiger Weise private Probleme oder Details aus seiner Lebensgeschichte, ist eine diplomatische Vorgehensweise gefragt. Gerade bei prekären oder gefühlsmäßig aufwühlenden Gesprächsthemen kommt es auf eine angemessene Reaktion an. Berichtet Ihnen jemand sichtlich bewegt von einem schweren Schicksalsschlag, können Sie ihn nicht nach zwei Sätzen abwimmeln. Dies würde der andere als harsche und verletzende Zurückweisung empfinden. Ein solcher Vorfall wirkt sich oft nicht nur auf der persönlichen Ebene negativ aus, sondern auch auf Ihre Geschäftsbeziehung.

Signalisieren Sie hingegen, dass Sie zu jeder Zeit ein offenes Ohr und Herz für seine Privatangelegenheiten haben, riskieren Sie zwei unangenehme Folgen: Er/Sie könnte Ihr Zuhören als Zuwendung privater Natur interpretieren und darauf entsprechend reagieren. Außerdem besteht die Gefahr, dass es bei weiteren Gesprächen oder Telefonaten immer schwieriger wird, eine Grenze zu ziehen. Intensive Anteilnahme an privaten Dingen kann auch als weitergehendes, persönliches Interesse ausgelegt werden.

Zeigen Sie Ihren Gesprächspartner Verständnis und Wertschätzung, ohne ihn durch weitere Fragen und zustimmende Signale (z. B. „Hmm“, Ja? Ach? …) zum Weitersprechen zu animieren – wie in diesem Beispiel:

Kunde: „… Und dann hat sie ihre Koffer gepackt und mich einfach sitzen
gelassen.“

 Sie:    „Ach, sie hat einfach ihre Koffer gepackt?“

 Kunde: „Ja, stellen Sie sich vor – ich bin ganz fassungslos. Und dann hat sie …“

Möchten Sie trotz ehrlicher (!) Anteilnahme die private Ebene wieder verlassen, ist folgender Weg geschickter:

Kundin: „… Und jetzt will unsere Tochter nichts mehr mit uns zu tun
haben. Sie am Wochenende bei uns ausgezogen und hat nicht mal
eine Adresse hinterlassen.“

 Sie:    „Sie sind sehr offen zu mir, und für dieses Vertrauen danke ich Ihnen.
Ich habe auch eine Tochter in dem Alter und kann mir deshalb
vorstellen, welchen Kummer Ihnen der Schritt Ihrer Tochter macht.
Gerade weil Sie im Augenblick diese Sorgen haben, möchte ich
wenigstens Ihre Servicewünsche besonders schnell und gut erfüllen.

Sie gehen ein bisschen auf das Thema ein, indem Sie Verständnis zeigen und eine eigene Erfahrung ergänzen. Anschließend leiten Sie behutsam zum eigentlichen Anlass der Zusammenkunft oder des Telefonats über. Es geht also um den „goldenen“ Mittelweg und vor allen Dingen um Flexibilität.

Wenn Sie selbst das Bedürfnis haben, sich am Arbeitsplatz über persönliche Angelegenheiten auszutauschen, überlegen Sie: Würden Sie Ihrem Gegenüber das pikante Detail auch dann erzählen, wenn ihr Verhältnis nicht so gut wäre?

Haben Sie jemand aus einer Stimmung heraus etwas anvertraut, was Sie später bereuen, sollten Sie das Problem aktiv angehen, statt hoffnungsvoll abzuwarten. Suchen Sie noch einmal ein Vieraugengespräch mit dem/der Betreffenden und bitten Sie um vertraulichen Umgang mit der Information. Mehr können Sie nicht tun. War es ein sehr brisanter Inhalt, können Sie auch gedankliche Szenarien entwickeln, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn die Nachricht die Runde in der Firma oder Ihrer Branche macht.

Birgit Lutzer