Wer nicht mitklickt, geht

//Wer nicht mitklickt, geht

Müssen Firmen oder Stelleninteressierte unbedingt mitziehen, wenn es um Digitalisierung geht? Die Jobmesse in Bielefeld am letzten November-Wochenende bot Besuchern und Ausstellern Gelegenheiten zum Austausch. Dieser fand auch statt am REFA Nordwest-Stand unter der Fragestellung: „Wie wird sich die Arbeit in Firmen verändern – und was müssen Stelleninteressierte tun, um sich in der digitalen Welt zu behaupten?

Lars Pielemeier, Geschäftsführer des REFA-Regionalverbands Ostwestfalen-Lippe stellte an den zwei Messetagen bunt gemischte Stehtisch-Diskussionsrunden zusammen. Neben REFA Nordwest-Experten mit im Boot waren die Fachhochschule der Wirtschaft, die Bundesagentur für Arbeit, die itelligence AG, die Firma Dirk Kremer Consulting und die Unternehmensgruppe LVQ. Klar wurde dabei: Der technische Wandel ist in vollem Lauf – und wer verharrt, bleibt auf der Strecke.

Wie sieht die Zukunft 4.0 aus, die schon Gegenwart ist? Lars Pielemeier, REFA OWL-Geschäftsführer (2. von rechts), lud zur Stehtisch-Diskussion. Von links Moderatorin Dr. Birgit Lutzer, Steffen Raebel, Christian Fraedrich, Prof. Dr. Thomas Jensen und Dirk Kremer. Foto: Jana Kremer.
Wie sieht die Zukunft 4.0 aus, die schon Gegenwart ist? Lars Pielemeier, REFA OWL-Geschäftsführer (2. von rechts), lud zur Stehtisch-Diskussion. Von links Moderatorin Dr. Birgit Lutzer, Steffen Raebel, Christian Fraedrich, Prof. Dr. Thomas Jensen und Dirk Kremer. Foto: Jana Kremer.

Werker steuern Prozesse mit Apps

Christian Fraedrich, REFA-Lehrbeauftragter und European Industrial Engineer, schilderte den technischen Wandel bei einem mittelständischen Gerätehersteller, für den er seit vielen Jahren tätig ist. „Die Fertigung hat sich komplett geändert. Wir haben die Produktion inzwischen auf U-Linie umgestellt. Diese ermöglicht eine verbesserte Kommunikation zwischen den Mitarbeitern und erleichtert die zügige Monate der Geräte.“ In Teilen der Endfertigung werden die Mitarbeiter durch ein webbasierendes Werkerassistenzsystem unterstützt. Er fügt hinzu: „Es gibt weitere Anwendungen für die jeweiligen Arbeitsbereiche, zum Beispiel auch eine App für die Teamleiter und für andere Funktionsträger.“

Es ist fünf nach Zwölf, was eine Digitalisierungsstrategie betrifft

Die itelligence AG wiederum setzt digitale Anforderungen von Kunden in „Softwarelandschaften“ um, wie Recruiter Johannes Kluge am Beispiel mittelständischer Unternehmen erläuterte. „Die Entscheidungsträger in Betrieben sind da manchmal noch skeptisch und halten an dem fest, was jahrelang funktioniert hat.“ Eine digitale Strategie müsse eigentlich schon vor mehreren Jahren entwickelt worden sein. Und spätestens in der Gegenwart sei höchste Dringlichkeit gefragt. „Die Firmenchefs müssen sich ggf. mit externer Unterstützung überlegen, wie sie sich technologisch sowie in Hinsicht auf ihre Mitarbeiter und deren Qualifizierung aufstellen.“

Rund um die Uhr weltweit kommunizieren

Mit der Qualifizierung zukünftiger Arbeitskräfte befasst sich auch die Fachhochschule der Wirtschaft. Der Leiter des FHDW-Campus Bielefeld, Prof. Dr. Thomas Jensen, beleuchtete in seinem Beitrag die zwei Seiten der digitalen Medaille – die Anforderungen des Arbeitsmarktes an Hochschulabsolventen und die Aufstellung der Fachhochschule, was digitale Lehr- und Lernformen anbetrifft. „Unsere Studierenden gehen selbstverständlich mit digitalen Medien um und kommunizieren hauptsächlich über ihre mobilen Endgeräte. Als Hochschule müssen wir Schritt halten.“ Dies geschehe durch zahlreiche neue Vermittlungsformen wie webbasierte Lehrveranstaltungen für berufsbegleitende Masterprogramme. Jensen: „Die können dann auch mal am Abend bis 21:00 Uhr sein, je nachdem, wie die Beteiligten es einrichten möchten.“ Dies entspreche im Übrigen der Globalisierung von Firmen und Märkten. „Die Kommunikation erfolgt digital rund um die Uhr über den ganzen Erdball.“ Dass statt Professoren irgendwann Roboter Vorlesungen durchführen, hält er für möglich. „Doch die müssen dann vorher noch einiges lernen!“, sagte er augenzwinkernd.

Digitalisierung bedeutet lebenslanges Lernen

Das Thema „Digitalisierung und lebenslanges Lernen“ beschäftigt auch Steffen Raebel als Geschäftsführer Operativ der Bundesagentur für Arbeit in Bielefeld. Er sagte: „Digitalisierung bewegt den Arbeitsmarkt bereits: Arbeitsbilder verändern sich zügig, neue Kompetenzen sind gefragt. Die Zeit, sich diese anzueignen, verkürzt sich.“ Dies sei eine Riesenchance für den Einzelnen und bedeute gleichzeitig Verantwortung. „Kontinuierliches, lebenslanges Lernen sowie Flexibilität bilden die Grundlage, um erfolgreich an der Neustrukturierung des Arbeitsmarktes teilzuhaben.“ Auch die Agentur für Arbeit spüre die Digitalisierung in ihren Arbeitsprozessen. Raebel: „Inhaltlich entwickeln wir unsere Beratungsleistung weiter, um unsere Kunden auf den Arbeitsmarkt der Zukunft vorzubereiten. In diesem schafft die Digitalisierung andere Arten von Arbeitsplätzen und fordert gleichzeitig Sozialkompetenzen.“

Generalisten sind gefragt

Die LVQ Weiterbildung gGmbH etwa ist spezialisiert auf die Vermittlung fachspezifischer Themen und anerkannter Abschlüsse aus dem gesetzlich geregelten Bereich. Geschäftsführer Lars Hahn: „Unsere Kernkompetenzen liegen in der Ausbildung von Hard Skills – beispielsweise im Qualitäts- und Umweltmanagement oder im Beauftragtenwesen.“ Doch neben technischem Know-how sieht auch er Managementkompetenzen wie organisatorische und kommunikative Fähigkeiten als bedeutsam an, um sich in der digitalen Arbeitswelt zu behaupten. „Reine Fachchinesen ohne Schnittstellen nach außen sind nicht gefragt“, betonte er.

Bewerber müssen Kommunikations-Schnittstellen nach außen haben

Solche „Fachchinesen“ sitzen manchmal in Vorstellungsgesprächen bei Dirk Kremer. Der Headhunter und Personalberater kümmert sich im Auftrag von Firmen um die Rekrutierung geeigneter Mitarbeiter. „Natürlich müssen die Leute technische Kenntnisse haben und eine gewisse IT-Kompetenz mitbringen, und zwar auch für kaufmännische Berufe.“ Er bestätigte jedoch die Aussagen der anderen Diskussionsteilnehmer, dass weniger Nerds als vielmehr offene Persönlichkeiten mit Überblick gefragt seien.

Wer Prozesse methodisch erfassen kann, ist im Vorteil

Einen Überblick mit Gesamtverständnis vermitteln laut Gastgeber Lars Pielemeier zum Beispiel REFA-Weiterbildungen zum Industrial Engineer oder zum Arbeitsorganisator. „Der REFA-Methodenkoffer enthält viele Instrumente, um Prozesse zu erfassen, Abläufe zu gestalten sowie Menschen und Maschinen zusammenzubringen. So können die anstehende Arbeitsaufgabe erfüllt werden.“ Bei aller Technologie sei es wichtig zu verstehen, dass die Mitarbeiter selbst in automatisierten Bereichen nicht zu ersetzen wären. „Ein digitaler Avatar ist momentan nur sehr schlecht in der Lage, einen unzufriedenen Kunden besänftigen. Die zwischenmenschliche Ebene kann auch zukünftig nicht wegdigitalisiert werden. Gerade in der Welt 4.0 wird sie einen besonderen Stellenwert behalten.“ (Birgit Lutzer)